Eine
Besichtigung der Ettaler Barock-Räume
ist grundsätzlich nicht möglich! Begründete
Anfragen sind schriftlich zu richten an:
Benediktinerabtei
D-82488 Ettal |
Die so weitläufige und sich imposant darstellende Ettaler Klosteranlage ist ein Ergebnis von sich über Jahrhunderte hinziehenden Bauvorgängen: Umgestaltungen mittelalterlicher Bauteile in der Barockzeit, Abbrüche nach der Säkularisation (1803) und Neubauten auf alten Fundamenten und den barocken Vorgaben nachgestalteten Fassaden fanden zu einem heute insgesamt einheitlichen Gesamteindruck.
Der nicht näher damit vertraute Betrachter möchte kaum vermuten, dass im Inneren der Klosteranlage kaum original ausgestaltete Räume auf uns gekommen sind, so die Stuckdekoration im sogenannten Ritterakademietrakt (1710-1712, Francesco Marazzi aus Como); des weiteren der an die Kirche östlich anschließende Trakt mit Sakristei, Kapitel- und Chorsaal mit Stuckdekorationen von 1725 und Deckenbildern von Johann Jakob Zeiller (1710-1783) aus den vierziger und fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts, schließlich eine Raumfolge in ehemaligen Gästetrakt mit textilen Tapeten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.
EHEMALIGER GÄSTETRAKT
Zur Geschichte der Baulichkeit und der Räume.
Am 29. Juni 1744 hatte ein verheerender Großbrand die Ettaler Klosteranlage weitgehend zerstört. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten erfolgten Wiederaufbau und die Ausgestaltung. Die Baumaßnahmen leitete der Klosterbaumeister Johann Schmuzer (1683-1752); die Innengestaltung dürfte erst in den fünfziger und sechziger Jahren erfolgt sein. Fünf Räume im Obergeschoß waren bzw. sind durch axial angeordnete Türen miteinander verbunden (sog. Enfilade). In drei von fünf Räumen haben sich die originalen Wandbespannungen erhalten, die 1980/81 und 1985/86 restauriert wurden.
Die ursprünglichen Deckenbemalungen gingen verloren; außer den Öfen ist von der originalen Einrichtung nichts erhalten.
Bei der Raumfolge handelt es sich - wenn auch in vergleichsweise bescheidenem Umfang und moderater Aufmachung - um ein "Fürstenappartement", das ein Kloster wie Ettal bereithalten musste, um gegebenenfalls den Landesherren und sein Gefolge zu beherbergen. Denn die sogenannten "landständischen" Kloster waren nicht nur klösterliche, sondern auch landesherrliche Einrichtungen.
1747 heiratete der bayerische Kurfürst Max III. Joseph (1725-1777) Maria Anna Sophie (1728-1790), die Tochter des sächsischen Kurfürsten August III., der zugleich König von Polen war. In diesem Zusammenhang ist, gleichsam als Reverenz vor der Gattin des Landesherren, das Dresdner Zimmer zu sehen. Im Zuge der Gestaltung dieses Raumes dürften auch die anderen Räume gestaltet worden sein. Heute sind sie ein freundlicher Rest alter nobler Zeiten.
DRESDNER ZIMMER
Es ist benannt nach der Ansicht der Dresdener Elbfront, wie sie sich etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts darstellte (v.l.n.r.): Die (ev.) Frauenkirche, erbaut von George Bähr 1726-1743, das Stadtschloss (Residenz der sächsischen Kurfürsten) mit dem Georgentor (im späten 19. Jh. verändert) und rückwärts dem Hausmannsturm, der Hofkirche (heute Kathedrale, erbaut von Gaetano Chiaveri 1738-43), der Augustusbrücke (benannt nach König August dem Starken), auf der anderen Elbseite das Japanische Palais.
Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Ansicht auf zwei Ölgemälde von 1748 des Venezianers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto (1720-1780) zurückgeht, die sich heute in der Dresdner Sempergalerie befinden. Ein eher provinzieller Maler hat nach Stichen die Ansicht in Ettal
gefertigt.
Auf der Ost (Eingangs-) Seite ist eine Ansicht aus Warschau, der polnischen Residenzstadt wiedergegeben, und zwar die Residenzen der
bedeutendsten Würdenträger, das Sächsische Palais und das Palais des polnischen Primas (erster Bischof des Landes). Die Vorlagen stammen vom oberen Rand eines Warschauer Stadtplans von Pierre Ricaud de Tiregaille von 1762. (Damit ist auch ein Anhaltspunkt für die Datierung der Ansichten in diesem Raum gegeben).
Bei der Ansicht eines Meereshafens an der Südwand handelt es sich um den Weichselhafen bei Danzig (Weichselmünde); die Stichvorlage ist bisher noch nicht gefunden. Vielleicht ist die Ansicht auch seitenverkehrt wiedergegeben.
Die Tapete zwischen den Fenstern soll wohl
- in sehr freier Nachbildung - und ohne direkte Vorlage das Nymphenbad beim Dresdener Zwinger darstellen. Eine Sicht in die freie Natur ist freilich beim "Originalschauplatz" nicht möglich.
Der braunglasierte Ofen, dessen Entwurf auf dem Münchner Hofbildhauer Johann Baptist Straub (1705-1784) zurückgehen dürfte, von dem ja auch die Altarausstattung des Hauptraumes der Ettaler Kirche stammt, ist ein wesentlicher Akzent im Raum.
BLAUER SALON
Dieser Raum ist durch die intensive Bläue der Wandbespannung bestimmt, die sich besonders bei entsprechender Beleuchtung bemerkbar macht. Die Rupfenbahnen sind mit reinem Indigo - damals ein sehr teurer Farbstoff - bemalt. Die weißen Ornamente sind mit Bleiweiß aufgesetzt. Die dunkle Florschicht besteht aus geriebener, vollständig mit Indigo eingefärbter Schafwolle. Eine Blaufassung dieser Intensität und Qualität ist anderswo in Bayern unbekannt.
In den von Ornamenten umrankten Feldern der Bespannung tummeln sich muntere Chinesen, allein oder zu zweit, und das mit den verschiedensten Beschäftigungen. Die damalige Chinamode wird damit lebendig. Die sich wiederholenden Motive gehen wahrscheinlich auf (Augsburger) Stichvorlagen zurück.
Die Türen und Lambrien (Vertäfelungen) sind in sog. Smalte-Technik (zerriebenes Blauglas als Bindemittel) bemalt. Bislang ist unklar, ob es sich dabei um bestimmte Architekturstücke oder um Phantasieprodukte handelt.
Der graphitfarbene Ofen besteht im Unterteil aus einem Eisenkasten, der mit dem (kaiserlichen) Doppeladler und der Jahreszahl 1742 versehen ist. Er ist also wohl älter als die Wandbespannung.
Abgesehen von der abgegangenen Deckenbemalung gibt, wenn auch gealtert, der Raum annähernd den ursprünglichen Zustand wieder.
CHINESENSAAL
Dieser helle, durchlichtete Raum diente wohl als Fest- und Versammlungsraum für die "Hohen Gäste". Die textilen Bahnen sind mit einer grün gefärbten Schlämme verschichtet; darauf wurden mit Holzstöcken die
(Rocaille-)Ornamente gesetzt, die ursprünglich in grellen Farben bemalt waren, die aber mittlerweile ausgeblichen sind. Auch hier tummeln sich "Chineserln" mit den verschiedensten munteren Verrichtungen. Raumbeherrschend wirkt der grünglasierte, imposante Rokoko-Ofen.
Im Unterschied zum DRESDNER ZIMMER und zum BLAUEN SALON ist hier der Raumeindruck durch Ausbleichen der Tapeten gealtert. Der Glaslüster aus Murano ist ein ursprünglich nicht hierher gehöriges Erzeugnis des späten 19. Jahrhunderts.
(c) by Benediktinerabtei Ettal, 1999
P. Laurentius Koch (+)
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