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Die Benediktinerabtei Ettal
in Geschichte und Gegenwart

Vorgeschichte

Gründung
Gründungsmotive
Gründungslegende
30jähriger Krieg

1709 bis 1803
Abt Placidus Seiz &
die Ritterakademie

Der Klosterbrand von 1744

Säkularisation
Ende des alten Ettal
Klostergut 1803-1900

Wiederbegründung
Ettal heute

 

Abt Placidus II. Seiz (1709) bis zur Säkularisation

Die eigentliche Blüte erreichte das Kloster erst unter Abt Placidus II. Seiz (1671-1736,Amtsantritt: 22. 1. 1709). Mit neuen Aufgabengebieten gab er dem bislang recht unbedeutenden Kloster größere Bedeutung, die umfangreiche Baumaßnahmen nach sich zog. Unter ihm wurde der gesamten Klosteranlage das barocke Gepräge verliehen, das uns bis heute erhalten ist. Bereits zwei Jahre nach seiner Wahl zum Abt von Ettal rief er die sogenannte "Ritterakademie" ins Leben und gründete somit die schulische Tradition Ettals. Aufgabe der Schule sollte es sein, junge Menschen - nicht nur Adelige - in einer abgeschiedenen Atmosphäre, ohne Ablenkung eines Stadtlebens, auf ihre späteren Aufgaben in Staat, Gesellschaft und Kirche vorbereiten.

Die Ritterakademie

Mit seinem Amtsantritt hat sich Abt Placidus II. Seiz bereits 1709 zur Aufgabe gemacht, die notwendig gewordenen Arbeiten anzugehen. Im Frühjahr 1709 machte er die erste Eingabe um eine Zuwendung einiger 1.000 fl und gibt als Begründung einen neuen Klosterbau an, da die alten Gebäude baufällig geworden waren. Er nennt des weiteren die notwendige Vergrößerung des Konventes zur Bewältigung der Wallfahrtsseelsorge und an dritter Stelle, fast beiläufig, die "ziembliche anzahl der armen Knaben" , die dort aufgezogen würden. Wenn auch die Geldmittel von dieser Seite z. T. ausbleiben oder nur spärlich flossen, kann der Abt dennoch am 7. August 1710 durch den Fürstbischof von Freising den Grundstein für die geplante Schule legen lassen. Mit dieser Schule begeht der Abt nun für die damalige Zeit neue Wege: Allein schon die örtliche Lage der Schule weist auf das Ungewöhnliche der Ritterakademie hin. Nicht jeder wird die raue und einsame Gebirgsgegend als besondere Schönheit preisen, wie es beispielsweise in der Leichenrede für den Abt Placidus heißt: "O Wunder, mitten in denen unfruchtbaren Bergen und dürren Steinwänden!... O Wunder, in einer solchen Wildnis und Einöde!" Vielmehr wurde die gehobene Schulbildung des Humanismus an den Gymnasien der Städte und der Fürstenhöfe gelehrt. Abt Placidus weiß allerdings um die Gefahren, die in der städtischen Schulausbildung drohen und möchte nun "von jenem, was etwan in der Stadt der Jugent mechte Gefehrliches anscheinen, entfehrnet" . In gewisser Weise greift er in der Barockzeit neu den Gedanken Benedikts auf, der ja schon Jugend in der Abgeschiedenheit von der Welt erzogen hat. Damit wird allerdings auch deutlich, daß es dem Abt nicht nur um reine Wissensvermittlung , sondern um eine religiöse Erziehung der Jugend geht. Aber auch der Lehrplan Ettals hebt sich von der sonst allgemeinen Schulbildung ab: Die humanistischen Sprachen wurden durch die neueren Sprachen, durch Geschichte und Geographie, aber auch durch praktisch-gesellschaftliche Disziplinen, wie Kriegsbaukunst, Jurisprudenz, aber auch Tanzen, Reiten und Fechten, ergänzt. Dabei sind die Fächer Geschichte und Geographie in besonderer Weise hervorzuheben. Dieser neue Lehrplan zeigt sich später als wegweisend für die allgemeine Schulbildung. Im Jahr 1741 schreibt der Gelehrte Anselm Desing, die Jesuiten hätten 1728 dreierlei von den Benediktinern in ihre Schulen übernommen, darunter als erstes die Geschichte, und zwar nach dem Vorbild Ettals In einer "Information über die Ordnung/Methode, und so wohl in ordinario, als extraordinario erlauffenden Auslaagen vor einem in Hoch-Adelicher Academie bey denen PP. Benedictineren zu Ettal stehenden Herrn Cavalier" aus dem Jahr 1738 erfahren wir detailliertes über Erziehung und Ausbildung der Jugend:

"1. Schulisches Angebot
- die üblichen sechs Gymnasialklassen
- ein Vorkurs für Anfänger
- ein neues Fach: Geschichte
- Kurse in Philosophie, Theologie, Jus
- Abschluß durch öffentliche Disputation
- Stil-, Rede-, und Dichtübungen
- Schultheater an Fastnacht, im Mai und zum Schulschluß
- Prämierung der Besten in jedem Fach

2. Zusatzfächer für adelige Studenten (Exercitia)
- Reiten
- Arithmetik und Ingenieurkunst, d. h. Zivil- und Militärarchitektur
- Fechten
- Französisch und Italienisch
- Tanzen
- Musik
- Reiche Abwechslung in Stundenplan und Freizeitgestaltung

3. Religiöse Erziehung
- Gebets- und Gottesdienstordnung
- Religionsunterricht
- marianische Kongregation
- Gestaltung der Hauptfeste und der Karwoche
- Theatralische Meditation zur Fastenzeit

4. Sorge für das leibliche Wohl
- Versorgung der Kranken (Arzt, Chirurg, Apotheke)
- Kost an gewöhnlichen Tagen und an Feiertagen
- Ausflüge

5. Bedienung, Sorge für Kleidung, Wäsche usw.

6. Unterbringung und Einrichtung

7. Ferienordnung
- Dauer der Ferien
- Ferienhaus in Seeburg (Bayersoien)
- Ferienprogramm

8. Erzieher und Lehrer
- der Abt
- der Regens
- die zehn Klaßleiter-Präfekten

9. Kosten

10. Erforderliche Ausstattung"

Sehr schnell nimmt die Schule einen großen Aufschwung, so daß Ettal 1717 bereits 53 Schüler, davon 31 adelige zählt. 1722 ist Ettal so gut besucht, das der Abt mehrere Absagen erteilen muß. Doch sollte auch der Akademie vorerst keine all zu lange Dauer beschieden sein. Drei Ereignisse brachten ihr Ende: der 1741 ausbrechende österreichische Erbfolgekrieg, der viele Eltern zahlungsunfähig machte, die Abberufung der aus den österreichischen Erblanden studierenden Jugend (1743) und schließlich der Brand des Klosters 1744, der zwar die Ritterakademie verschonte, das Kloster aber einäscherte, so daß die Patres in den erhalten gebliebenen Flügel umziehen mußten. Nach der Schließung der Ritterakademie hat man lange darauf gehofft, die Schule wieder eröffnen zu können. Doch blieb dieser Wunsch unerfüllt. Bis zur Säkularisation wurde zwar ein Seminar weitergeführt, doch erst nach der Wiederbegründung des Klosters konnte 1905 in den alten Gebäuden mit dem Aufbau eines humanistischen Gymnasiums begonnen werden.