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Benediktinerabtei Ettal > Kloster > Ein meditativer Gang P. Gabriel Heuser OSB
Ein meditativer Gang durch unsere Kirche

 

I.
DER VORHOF

Das Kloster Ettal auf einem alten Stich

Der Weg hierher, in diese Kirche, führt zwangsläufig durch den großen, weiträumigen Innenhof. Ein erstes Eingangstor. Der Lärm des Verkehrs bleibt zurück. Eine erste Ausgrenzung vom Getriebe des Alltags. Eine Säule, die "Schwedensäule" gleich neben dem Oberammergauer Tor, mahnt dennoch an den Kampf des Lebens, an den Krieg, an Unrecht und Tod. Der Blick und die Richtung werden gesammelt auf die Kirche hin.

Ruhe soll einkehren, Konzentration. Das Gleichmaß der Fensterachsen soll dazu helfen. Die breite Horizontale der Fassade und die hoch aufragende Vertikale des Kuppelbaus verschränken sich. Die unterschiedlichen Türme verweisen auf das Unfertige, Unabgeschlossene aller Wege und Phasen, allen Schaffens und auch aller Kunst.

Tag für Tag betreten Menschen, viele Menschen, aus allen Sprachen und Schichten, den Vorhof und nehmen ihren Weg zum Mittelpunkt, zur Kirche. Wenn sie damit den Weg zum eigenen Mittelpunkt, zum geheimen Mittelpunkt ihres Lebens nehmen könnten! Auch wir schlagen heute, in diesem Monat, unseren Weg hier ein, sammeln ihn hin zur Mutter des Herrn, die wir in diesen Andachten in unserem Beten mit unseren Anliegen antreffen wollen.

 

 

II.
DAS PORTAL

Das Portal

Der Weg in die Ettaler Kirche führt nicht am Kreuz vorbei, sondern unter dem Kreuz hindurch. Der gekreuzigte Herr Jesus Christus steht am Eingang, er ist der Herr seiner Kirche, der Hausherr auch dieses Raumes. Wenn wir die barocke Fassadenfront durchschritten haben, steht er am Kreuz in der Zeugenschaft jener ersten, gotischen Phase vor uns, führt uns das enge Portal für einen Moment unter das Joch seines Kreuzes, um uns wieder freizugeben in den jubelnden Aufblick des Innenraumes.

Unter seinem Kreuz wird Kirche zusammengeführt, steht schon Maria, der Johannes zum Sohn, der wir zu Kindern gegeben werden. Unter seinem Kreuz beugt sich jedes Knie, auch das der weltlichen Macht, auch des kaiserlichen Gründers Alles menschliche Tun, alles Schaffen und Gründen ist in das Geschehen unter dem Kreuz einbezogen.

Am Eingang des steinernen Baus der Kirche steht somit das Bild der immer werdenden Kirche aus lebendigen Menschen. Am Eingang schon wird deutlich, was die rechte Haltung des Menschen vor seinem Herrn auch in diesem herrlichen Kirchenraum ist: ehrfürchtig und in Anbetung die Knie zu beugen. Und schon am Eingang finden wir Maria dort, wo wir sie immer antreffen wollen mit unseren Anliegen: an der Seite ihres Sohnes, auf seinem Weg, unter seinem Kreuz, in seiner Herrlichkeit. Nur dort nimmt sie unsere Anliegen als Fürsprecherin entgegen.



III.
DIE GRÜNDUNGSLEGENDE

Die Gründungslegende

Haben wir den Kirchenraum betreten, zieht sofort die Kuppel mit ihrer Höhe und ihrer Ausgestaltung den Blick nach oben. Und auf dem Weg dort hinauf begegnet unser Auge der Darstellung des Anfangs Ettals, dem Bild von der Gründungslegende über dem Chorbogen. Es ist gut, wenn unser alltäglicher Blick des An- und Aufschauens dem Anfang, den Quellen begegnet. Die Aufmerksamkeit zurückzuwenden zu den Quellen, zum Ursprung, das ist in aller geschichtlichen Situation notwendig, wohl auch in unserer ganz persönlichen Lebensgeschichte und Glaubensgeschichte.

Beim Betrachten dieses Bildes begegnet unser Blick zunächst dem betenden, bittenden Kaiser. Wie schon im Tympanon des gotischen Portals so wird auch im Gründungsbild des Barocks der Gründer knieend, im Gebet dargestellt, diesmal wohl im Gebet aus Bedrängnis. Die Not der Ausweglosigkeit läßt ihn nach frommer Überlieferung den Weg zum Gebet finden. Unsere Zuflucht im Gebet suchen, in Bedrängnis unser Rufen an Gott zu richten, das ist auch die oft erfahrene Situation unseres Lebens. Nur im Gebet kann der Mensch den Willen Gottes erfahren, kann er sich mit all seinen Sorgen bei ihm geborgen wissen. Und wenn wir in diesem Bild vom Anfang den Kaiser das Bild Mariens als Geschenk empfangen sehen, dann mögen wir heute, gerade in diesen Tagen, da uns der Verlust des Gnadenbildes bedrückt, immer mehr und neu empfinden, daß uns dieses Bild Marias geschenkt ist, Geschenk, zur Verehrung gegeben. Und wie den Gründer, den Kaiser damals das Geschenk zum Gelöbnis bewegt hat, so soll es uns heute zu neuer Verpflichtung bewegen.


IV.
DER KIRCHENRAUM

Der Kirchenraum

"Ettals Tempel ...", so beginnt die erste Strophe des Ettaler Liedes. Wohl von der zentralen Bauform her ergibt sich für den Ettaler Kirchenbau diese Vorstellung vom Tempel. Schon und besonders damals, in der ersten, der gotischen Zeit ein ganz unüblicher, bemerkenswerter Raum. Auch heute nimmt er die vielen Besucher in ein erstes Staunen.

Doch der Eindruck des Ungewöhnlichen muß weiterführen zu dem, was diese Form uns sagen kann. Sammeln, Versammeln, nicht Ausrichten, so lautet die unausgesprochene Botschaft, die vom Raum her kommt. Gemeinsamkeit, hin zum Zentrum, nicht Uniformieren oder beziehungsloses Nebeneinander. Aufrichten, nicht Ausrichten.

"Ettals Tempel ... birgt ein Kleinod", heißt es im Lied weiter.
Bergen: dieser Raum birgt, gibt Geborgenheit, er birgt auch uns. Er hat bindende Kraft, ohne einzuengen und abzuschließen, er ist vor allem nach oben offen. Und Versammeln: Die Apostel mit Maria waren versammelt, als der Heilige Geist auf sie herabkam, sie in Gemeinschaft, an einem Ort, antraf. Ein Bild der Kirche kann vermittelt werden, der pfingstlichen Kirche. Über uns allen, an der höchsten Spitze dieses Raumes, schwebt in der Symbolgestalt der Taube der Heilige Geist. Kirche entsteht durch und unter dem Heiligen Geist, konkret und leibhaftig, heute, in der Zeit und im Raum, in diesem Raum.

 

V.
DIE KUPPEL

Die Kuppel

Der Weg führt uns heute durch viele Jahrhunderte, durch die vielen Generationen von Heiligen, von Menschen, die versucht haben, ihr Leben und Streben, ihr Suchen unter der geistlichen Leitung des Hl.. Benedikt zu gestalten, es auszurichten nach seiner Erfahrung; und nach seiner Regel, in der diese Erfahrung Wort, Weisung geworden ist. Und dieser Weg hat ein allen gemeinsames Ziel: die Verherrlichung des Dreifaltigen Gottes.

Das große Gemälde, das Fresko unserer Kuppel zeigt nicht nur eine Ansammlung, eine große Anzahl von Heiligen verschiedener kirchengeschichtlicher Epochen - mehr als 400 Figuren treffen wir hier an. Es verdeutlicht zugleich eine wesentliche Grundhaltung des Menschen vor seinem Gott: das Leben in Anbetung und im Lobpreis. Und dieser Gott ist, so wie es menschlich unvollkommene Ausdrucksweise als Fülle aller Offenbarung Gottes fassen und darstellen kann, als dreifaltiger Gott dargestellt: als Vater im Strahlenkranz, der auf seine Schöpfung, den Erdball, hinweist, als Sohn mit dem Siegeszeichen des Kreuzes und als Heiliger Geist, im Zenit des Baus, in der Gestalt der Taube. Und wir, wir als Vertreter, Stellvertreter unserer Zeit, stellen uns jeden Tag neu in diesen Raum, unter diesen großen Bogen, versuchen ein Stück der großen Bestimmung des Menschen zu verwirklichen, nämlich Gott die Ehre, die Anbetung, den Lobpreis zu geben.


 

VI.
DER HOCHALTAR

Der Hochaltar

Zum Abschluß gelangt unsere kleine Meditation im Maimonat im Hochaltarraum, heute als Presbyterium verstanden und genutzt, ursprünglich als Wallfahrtskapelle gedacht und gebaut. Zur Vollendung gelangt auch der Weg unseres Lebens in dem, was uns hier in großen Bildern begegnet, vor allem, wenn wir das Hochaltarbild zusammen mit dem Deckengemälde als sinngemäße Einheit anschauen. Eine letzte, aber bleibende Begegnung der Mutter mit ihrem Sohn in der Herrlichkeit des Himmels.

Aber selbst in dieser Darstellung der Aufnahme Marias in den Himmel bleibt noch etwas spürbar vom Wegcharakter unseres Lebens, von der Bewegung allen menschlichen Lebens. Mögen wir uns selbst eher in der Position, in der Erdverhaftung der Apostel, die das Grab umstehen, wiederfinden. Doch sind wir dort Zeugen dieser letzten, großen Bewegung Marias, vorwegnehmend und -zeigend für alle Menschen, hinein in die Vollendung, in die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die wir Himmel nennen. Das ist Zeugenschaft, Wegweisung, die für uns und für andere Hoffnung schafft. Zugleich mahnt uns dieses Bild endgültiger Begegnung am Ende unserer Kirchenbetrachtung an das, was den Sinn eines jeden Kirchenraumes ausmacht: Begegnung zu vermitteln, Raum der Begegnung zu sein zwischen dem Menschen und Gott in Jesus Christus.

 

 

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aus:  EM 70. Jahrgang (1991), Nr. 1/2, S. 38-41.