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Die Weißtanne -
mein Lieblingsbaum
Pater Dr. Josef Kastner OSB

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Die Weißtanne - mein Lieblingsbaum

Die Weißtanne (lat. abies alba) gehört neben der Eibe zu der am meisten bedrängten Baumart in unserem Gebirgstal: Sie ist bedrängt von Wild, von allerlei "Schädlingen" der Natur und auch vom Menschen. Darum habe ich Mitleid mit ihr, muss sie doch verzweifelt um ihr Überleben kämpfen, sie, der typische Baum der höheren Berglagen. Man stelle sich einmal vor, wie schwer es für sie ist, dass sie sich natürlich verjüngt, d.h. für Nachkommenschaft sorgt.

Da steht dieser mächtige, über 40 m hohe und vielleicht über 250 Jahre alte Baumriese, ein wahres Prachtexemplar, am Waldrand neben einem Wanderweg. Viele Jahre ging ich achtlos an ihm vorbei bis ich ihn einmal für mich entdeckte. Ich wollte wissen, wieviele "Nachkommen" dieses Baumwunder hochbrachte. Ich war erstaunt: Im Umkreis von gut 100 m nur 3 kümmerliche, etwa 10 - 20 cm hohe und mehrfach verbissene Pflänzchen. (Zu ihrem Schutz versah ich sie gleich mit einem kleinen Zaun aus Stecken.) Wieso nur so wenige, da der Baum doch häufig fruktifiziert (Zapfen mit Samen trägt). Auf dem herbstlichen Waldboden entdecke ich frisch vom Eichhörnchen gerupfte Zapfenteile (Schappen), auch Samen, die der Zünzler (Insekt) ausfraß, auch Samen, die leer, also nicht keimfähig waren. Von den ursprünglich ich weiß nicht wieviel tausend Samen fielen nur vereinzelte bis auf den Waldboden. Dort tummeln sich aber zahllose Mäuse, die sogar noch im Winter unter dem Schnee nach dem schmackhaften, relativ großen Samen suchen. Es dürfte also ein großer Zufall sein, wenn schließlich der eine oder andere Same nicht gefunden und auch von einer Pilzkrankheit verschont geblieben im Frühjahr zu keimen beginnt. Ragt dann das zarte Pflänzchen aus dem Boden, wird es schon vom Wild gejagt und als bevorzugter Leckerbissen konsumiert. Hat nun aber doch das Pflänzchen wider Erwarten die geringe Chance, nicht gleich entdeckt zu werden, wird es mit ziemlicher Sicherheit bis in die Höhe von 3 m vom Reh- und Gamswild jährlich mehrfach verbissen, vom Bock gefegt, vom Rotwild am Leittrieb gekürzt, ja vielleicht noch als Christbaum abgesägt, falls es ganz versteckt aufgewachsen ist, so dass es als Zierde für die weihnachtliche Stube dienen kann. Also nachweislich 3 kleine Jungtannen waren es an dieser Stelle in einem Zeitraum von ca. 250 Jahren. Nur der Mensch könnte ihr Durchkommen durch Vorsorge und Schutzmaßnahmen ermöglicht.

TanneErregt dies nicht Mitleid? Die Weißtanne ist aber auch der "Schicksalsbaum", besser der "Gründungsbaum" von Kloster Ettal: Als Kaiser Ludwig der Bayer 1330 aus Italien zurückkehrte, suchte er mit seinem Jäger Fendt aus Partenkirch im Ampferang, dem kaiserlichen Jagdgebiet, den Platz für das in der Not gelobte Kloster. Das Pferd des Kaisers soll vor einer mächtigen Tanne dreimal in die Knie gegangen sein und sich geweigert haben weiterzugehen. Dies sah der fromme Kaiser als Zeichen des Himmels an, dort an eben dieser Stelle das Kloster zu bauen, so die alte Legende. Also sollte den Ettalern die Tanne besonders ans Herz wachsen.

Es ist verwunderlich, fragt man einen Schreiner oder Zimmerer, ob ihnen die Tanne etwas bedeute, dann spürt man heraus, dass sie das Tannenholz nicht besonders mögen. Der Holzhändler machte noch bis in die jüngste Zeit einen Preisabschlag, wenn in dem Holzganter der Anteil von Tanne etwas höher war. Es mussten erst die Japaner kommen, um ihnen zu sagen, dass sich die Tanne vorzüglich für den Holzhausbau in Erdbebengebieten eigne, für den Innenausbau, ja auch für Möbel. So kommt es nicht von ungefähr, wenn für das riesige Dach auf der Expo 2000 in Hannover 40 Prachttannen (150 cm Durchmesser am Stock, noch 50 cm bei 15 m Länge) mit einer durchschnittlichen Höhe von 49 m aus dem Schwarzwald Verwendung finden.

Die Weißtanne war lange ein ungeliebter Baum. Jetzt entdeckt man den Tiefwurzler wieder für die Stabilisierung des Waldes, besonders für Windmäntel, nachdem die Wetterlagen, Stürme und Regenfälle immer heftiger werden, ganze Waldflächen umlegen, Muren oder Schnee- und Steinlawinen auslösen. Die Tanne hat ihre Neuentdeckung verdient. Ich wünschte mir nur in unserem Bergwald mehr Tannen und weniger Wild.

P. Josef Kastner (+), Ettal